Peter Geimer

Adolph Menzel, Rüstungen (Detail), 1815

Adolph Menzel, Rüstungen (Detail), 1815

Prof. Dr. Peter Geimer

Sprecher

Forschungsprojekt

Die Vergangenheit ist unbeobachtbar. Man hat von ihr gehört oder gelesen, erinnert sich an sie oder sieht Bilder und Modelle, die Historisches zeigen, es aber nicht in seiner gewesenen Integrität wiederherstellen können. Deshalb beruht jede historische Rekonstruktion auf einer Verschränkung von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Vergegenwärtigung und Entzug, Wissen und Imagination. Wie entsteht unter diesen Bedingungen so etwas wie bildliche Evidenz des Historischen? Zunächst lassen sich zwei gegenläufige, aber miteinander verschränkte Verfahren visueller Rekonstruktion unterscheiden: Versuche, sich die Vergangenheit durch die Deutung ihrer sichtbaren Spuren, Reste und Hinterlassenschaften anzueignen sowie Versuche, das Vergangene durch retrospektive Verfahren der Reanimation, der Narrativierung und Fiktionalisierung ›nachzustellen‹. Ausgangspunkt des Projekts ist die These, dass keine dieser beiden Formen visueller Evidenzerzeugung für sich genommen ausreichend ist, um sich ein Bild des Vergangenen zu machen, und es deshalb besonderer Vermittlungsformen von Spur und Animation, Zeugenschaft und Fiktion, Faktizität und Illusion bedarf.

Der Geschichte und Ästhetik dieser Vermittlungsformen ist das Projekt gewidmet. Es setzt ein mit den Reenactments und Realitätseffekten der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts und verfolgt die verschiedenen Formen visueller Rekonstruktion und Rekonstruktionskritik über die Fotografie und den Film bis zur zeitgenössischen Kunst. Die Herausforderung dieser Arbeit wird es sein, im skizzierten Rahmen eine Geschichte und Theorie der historischen Einbildungskraft zu formulieren, die einerseits dem ‚Vetorecht der Quellen’ Rechnung trägt, die andererseits aber auch das produktive Potenzial und die Unvermeidbarkeit von Fiktion, Einbildungskraft und Illusion herausarbeitet, statt hier einmal mehr nur Trugbilder, Suggestionen oder Verschleierungen der Wirklichkeit am Werk zu sehen: „Ohne die Illusion bin ich reduziert auf mein schadhaftes Gebiss“ (Peter Handke, Phantasien der Wiederholung).

Vita

Studium der Kunstgeschichte, Neueren Deutschen Literatur und Philosophie in Bonn, Köln, Marburg und Paris. 1992 Magisterabschluss in Kunstgeschichte an der Philipps-Universität Marburg („Studien zu den Wandmalereien von Eugène Delacroix in St. Sulpice / Paris). 1997 Promotion in Kunstgeschichte in Marburg („Die Vergangenheit der Kunst. Strategien der Nachträglichkeit im 18. Jahrhundert“). 1997–1999 Postdoctoral Fellow am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin. 1999–2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich Literatur und Anthropologie der Universität Konstanz. 2001–2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin. 2004–2010 Oberassistent an der Professur für Wissenschaftsforschung der ETH Zürich. 2005–2009 Mitglied des Nationalen Forschungsschwerpunkts „Bildkritik“, Universität Basel. 2008 Habilitation in Kunstgeschichte an der Universität Basel. Seit 2007 freier Mitarbeiter im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2010 Professur für Historische Bildwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Bielefeld, seit WS 2010/11 Professur für Neuere und Neueste Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin.

Forschungsschwerpunkte

  • Historienmalerei
  • Geschichte und Theorie der Fotografie
  • Geschichte und Theorie des Films
  • Kulturgeschichte des Dings
  • Wissenschaftsgeschichte

Publikationen

Derrida ist nicht zu Hause. Begegnungen mit Abwesenden. Mit einem Nachwort von Marcel Beyer, Hamburg: Philo Fine Arts 2013.

Nachleben und Rekonstruktion. Vergangenheit im Bild, hg. v. Peter Geimer und Michael Hagner, Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2012.

Bilder aus Versehen. Eine Geschichte fotografischer Erscheinungen, Hamburg: Philo Fine Arts 2010.

Theorien der Fotografie, Hamburg: Junius 2009 (3. Aufl. 2011).

Ordnungen der Sichtbarkeit. Fotografie in Wissenschaft, Technologie und Kunst, hg. v. Peter Geimer, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002 (2. Aufl. 2004).

Die Vergangenheit der Kunst. Strategien der Nachträglichkeit im 18. Jahrhundert, Weimar: VDG 2002.

Aktuell

„The Incomparable“, ein Vortrag auf der Konference „What is Comparative Media?“ vom 29. September bis 1. Oktober, organisiert von der Columbia University, New York.

Kontakt

Prof. Dr. Peter Geimer

Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz

Arnimallee 10
14195 Berlin

Zimmer 203
Tel.: +49(0)30-838-53849

peter.geimer@fu-berlin.de

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