Michalis Valaouris

Unbekannter

Unbekannter Künstler, Junger Künstler mit seinem Model (Detail), ca. 1840-45, Nationalgalerie Athen

Dr. Michalis Valaouris

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Forschungsprojekt

Zur Einführung der Perspektive in Griechenland, 1830–1870

Das Wort „Perspektive“ (προοπτική) lässt sich in der griechischen Sprache erstmals in ein Wörterbuch aus dem Jahr 1857 erweisen. Die Perspektive als Bildsprache war in der griechischen Gesellschaft bis um 1830 weitgehend unbekannt oder fremd; mit Ausnahme einiger Territorien, die unter Venezianischer Herrschaft standen. Das Forschungsprojekt untersucht, durch welche transkulturellen Prozesse diese westeuropäische Bildsprache in Griechenland im 19. Jahrhundert eingeführt, rezipiert und etabliert wurde.

Während der osmanischen Herrschaft wurde in Griechenland weitgehend die byzantinische Bildtradition fortgesetzt, freilich gemischt mit Elementen osmanischer und barocker Malerei. Diese Bildästhetik transformierte sich grundlegend zwischen den Jahren 1830 und 1870. Hierbei waren drei Entwicklungen zentral: Das Studium griechischer Künstler an westeuropäischen Kunstakademien (vor allem in Rom, Paris und München); die Gründung der Athener Kunstakademie 1837, an der etwas später Linearperspektive und Proportionslehre gelehrt wurden; und die Einführung der Fotografie in Griechenland um 1845. Die griechische Gesellschaft eignete sich rasch die Perspektive als „natürliche“ Bildsprache an, was bald zu einer Abwertung der byzantinischen Tradition als „mittelalterlich“ und „rückschrittlich“ führte. Dies legt offen, welche westeuropäischen Werte mit der Perspektive mit übertragen wurden: „objektive“ Darstellung, „künstlerische Subjektivität“ und „Fortschritt“.

Der eher unauffällige Fall Griechenlands macht also klar, dass die Perspektive nicht einmal im europäischen Raum eine Selbstverständlichkeit war; mehr noch: Die Perspektive war keine „natürliche“ oder „universelle“ Bildsprache, sondern ein lokaler Stil (italienischer und niederländischer Prägung), der allmählich – und nicht ohne Wiederstände – zu einem globalen visuellen Regime avancierte. Die Perspektive wurde somit naturalisiert und universalisiert.

Vita

Studium der bildenden Kunst an der Aristoteles Universität, Thessaloniki (2000–2005); Masterstudium der Fotografie an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg (2005–2007); Promotion am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin mit der Arbeit „Fotografie und das Dispositiv Perspektive“ (2015). Von 2015 bis 2017 wissenschaftlicher Museumsassistent an der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin und am Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. 2017 Kurator der Ausstellung „Das Feld hat Augen: Bilder des überwachenden Blicks“ für die Kunstbibliothek im Museum für Fotografie, Berlin. 2019 Lehrbeauftragter für Kunstgeschichte an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit September 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik.

Forschungsschwerpunkte

  • Kunst- und Kulturgeschichte der Perspektive
  • Geschichte und Theorie der Fotografie
  • Bild- und Kulturgeschichte der Überwachung

Publikationen

Perspektive in der Fotografie. Studien zur Naturalisierung des Kamerabildes, Berlin: Kulturverlag Kadmos Berlin 2018.

Das Feld hat Augen: Bilder des überwachenden Blicks, Berlin: Deutscher Kunstverlag 2017. (Ausstellungskatalog, Kunstbibliothek, SMB)

„Überwachen und Sticken, um 1670“ in: Irene Nierhaus, Kathrin Heinz (Hg.), Unbehaust Wohnen, Bielefeld: transcript Verlag, im Druck.

„Das Bild des Wissenschaftlers. Autorität, Profession und Gender in einem Fotoalbum für Karl Weierstraß (1885)“ in: Rundbrief Fotografie, Vol. 24. 2017, No. 4, S. 8–18.

„Fotografie und Vergessen. Zwei Kindheitsfotos – Ein Unbekannter und Walter Benjamin“ in: Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hg.), Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung, Münster, New York: Waxmann 2017, S. 37–45.

Kontakt

Michalis Valaouris

Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz

Arnimallee 10
14195 Berlin

Tel.: +49(0)30-838-50952

m.valaouris@fu-berlin.de