Klaus Krüger

Raffael, Die Verzückung der heiligen Cäcilia (Detail), um 1514

Raffael, Die Verzückung der heiligen Cäcilia (Detail), um 1514

Prof. Dr. Klaus Krüger

Sprecher

Forschungsprojekt

Der Begriff der Bildevidenz wird aus historisch und thematisch verschiedenen Blickrichtungen bestimmt, um ihn auf diese Weise theoretisch wie methodisch möglichst differenziert zu konturieren. Einer der Schwerpunkte liegt auf der Bildpolitik der Evidenz im Spätmittelalter und auf der Frage, wie Bilder den sozialen, politischen und religiösen Raum jener Öffentlichkeit, dem sie als Kommunikationsmedium zugehören, durch die genuine Produktion von Evidenz prägen und definieren. Untersucht wird unter anderem, wie Bilder in den kommunal oder monokratisch regierten Stadtgesellschaften, aber auch am Hof durch die Spezifik ihrer Visualisierungsleistungen zu einem konsistenten Bestandteil jenes religiösen, politischen und gesellschaftlichen Handelns werden, das sich etwa in Versammlungen, Gerichtsverhandlungen oder Ritualen, in Gebetsgemeinschaften, Zeremonien oder Festveranstaltungen bezeugt, und wie sie als integrales Element dieser körperschaftlichen und institutionellen Symbolisierung auch auf deren soziale Kohäsions- bzw. Distinktions- und Aushandlungsziele einwirken. Wie also vermögen Bilder der institutionellen Fiktion einer – religiös, ethisch, kulturell und politisch wie auch immer diversifizierten – Öffentlichkeit erst eigentlich dauerhafte Sichtbarkeit und Evidenz und damit zugleich die Geltungskraft des Faktischen zu verleihen?

Ein weiterer Schwerpunkt gilt dem Verhältnis zwischen bildlicher Visualität und rhetorischem Diskurs in der Kunst der Frühen Neuzeit und der Frage nach ästhetischen Verfahren der Evidenzerzeugung im Zeichen medialer Differenzen und gattungsmäßiger Differenzierungsprozesse. Fokussiert wird diese Fragestellung zum einen auf das seit der Renaissance zunehmend prominente Phänomen der intermedialen Konfiguration von Malerei und Musik, bei dem der kategoriale Gegensatz zwischen Stummheit und Klang, zwischen Visualität und Hörbarkeit als mediale und zugleich als ästhetische Differenz akut wird. Im Zentrum steht hier unter anderem die Frage, wie die Malerei angesichts der apriorischen Undarstellbarkeit, die der Musik infolge ihrer Unsichtbarkeit, Immaterialität und zeitlichen Flüchtigkeit eignet, den Ausdruck von hörbarem Klang in Gestalt einer visuellen Evokation und damit als Alterität einer genuin bildlichen, imaginativen Evidenz verwirklicht. Zum anderen werden am Fallbeispiel der Malerei von Caravaggio und seiner Nachfolge die Formen der ästhetischen Dekonstruktion von mimesisbegründeten Rhetorikkonzeptionen des Bildes durch die Erosion bzw. De-Naturalisierung des rhetorischen Körperausdrucks ins Auge gefasst. Im Blickpunkt steht dabei die semiotisch wie auch rezeptionsästhetisch wirksame Verschiebung von der Repräsentation zur Präsenz, vom dargestellten Körper zum Körper des Bildes selbst, in deren Vollzug die medialen Präsenzeffekte in vielfältiger Weise zur spezifischen Manifestationsform von bildlich erzeugter Evidenz werden.

 

Interdisziplinäres Kooperationsprojekt:
Kunst und Religion in der Renaissance. Der Fall Venedig

Vita

Studium der Kunstgeschichte, Deutschen Literaturwissenschaft, Philosophie und Italianistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. 1985-1987 Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, 1987 Promotion in München (Der frühe Bildkult des Franziskus in Italien. Gestalt- und Funktionswandel des Tafelbildes im 13. und 14. Jahrhundert, Berlin: Gebr. Mann 1992). 1987-1992 Stipendiat und Wissenschaftlicher Assistent an der Bibliotheca Hertziana (Max-Planck-Institut) in Rom, anschließend Wissenschaftlicher Assistent an der TU Berlin, dort 1997 Habilitation. 1997-1999 Oberassistent an der TU Berlin. 1997-1998 Lehrstuhlvertretung in Frankfurt a. M. (J. W. Goethe-Universität). 1999-2002 Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. 2002-2003 Ordinarius für Kunstgeschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Basel. Seit Oktober 2003 Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Fellowships und Gastprofessuren u.a. an der ÉHÉSS in Paris (1999), an der Columbia University in New York (2004-05), am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz (2007-08), am IFK in Wien (2011) und an der Bibliotheca Hertziana (Max-Planck-Institut) in Rom (2012-13).

Forschungsschwerpunkte

  • Theorie und Geschichte des Bildes, der Skulptur und der visuellen Medien in Mittelalter und Früher Neuzeit
  • Italienische Kunst vom Mittelalter bis zum Barock (12. bis 17. Jh.)
  • Bildanthropologie und Kulturelle Semantik in der Vormoderne
  • Gegenwartskunst
  • Kunst und Film
  • Methodengeschichte

Publikationen

Grazia. Religiöse Erfahrung und ästhetische Evidenz, Göttingen: Wallstein
2016

Politik der Evidenz. Öffentliche Bilder als Bilder der Öffentlichkeit im
Trecento, Göttingen: Wallstein 2015 (Rezension von C. Jean Campbell in Zeitschrift für Kunstgeschichte 80/2017, S. 156-159).

Double Vision. Albrecht Dürer & William Kentdrige (Kat. Ausst. Berlin, Gemäldegalerie 2015-16), hg. v. Klaus Krüger, Andreas Schalhorn und Elke Werner, München: Sieveking 2015.

Figuren der Evidenz. Bild, Medium und allegorische Kodierung in der
Malerei des Trecento, in: Literarische und religiöse Kommunikation in
Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. v. Peter Strohschneider (DFG-Symposion
2006), Berlin: De Gruyter 2009, S. 904-929.

Evidenzeffekte. Bildhafte Offenbarung in der Frühen Neuzeit, in: Evidentia. Reichweiten visueller Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit, hg. v. Gabriele Wimböck, Karin Leonhard und Markus Friedrich (Pluralisierung & Autorität, Bd. 9), Münster: Lit-Verlag 2007, S. 391-424.

Das Bild als Schleier des Unsichtbaren. Ästhetische Illusion in der Kunst der frühen Neuzeit in Italien, München: Wilhelm Fink Verlag 2001.

Kontakt

Klaus Krüger

Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz

Arnimallee 10
14195 Berlin

Zimmer
Tel.: +49(0)30-838-53865

kkrueger@zedat.fu-berlin.de

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