Katja Müller-Helle

Geöffneter Geigenkorpus, Geigenbauwerkstatt Bölli, Wien

Geöffneter Geigenkorpus, Geigenbauwerkstatt Bölli, Wien

Dr. Katja Müller-Helle

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Forschungsprojekt

Orchestrierte Zerstörung – Transgressionen der Avantgarde

 

Traditionsbruch, Transgression, Skandal sind nicht die Spezial- sondern die Normalfälle der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Die schrille Abfolge von Ereignissen, in denen vom Bild bis zum Museum alles zum Medium der Attacke werden kann, bestimmt nicht nur den Kampfplatz der künstlerischen Autonomie, sondern formiert gleichzeitig Denkfiguren einer Theorie der Avantgarde, wie die der Entgrenzung der Kunst ins Leben oder der Auflösung der Grenzen des Kunstobjektes in der sozialen Praxis.

Diese Denkfiguren der Transgression sollen anhand eines Extremfalls der Entgrenzung, der Zerstörung von Musikinstrumenten in der Avantgardekultur, mit Blick auf konkrete Objekte, Bilder und Notationen analysiert werden.

Wenn Nam June Paik, Arman oder Philip Corner klassische Instrumente in streng komponierten Aktionen zerstören, sie später als musealisierte Reliquien eine nachträgliche Schau der Transgression versprechen und in ihrer historiografischen Einordnung als Objekte der Entgrenzung theoretisiert werden, wird das Projekt der materiellen Zerstörung zum vielteiligen Prozess einer Evidenzerzeugung zwischen Objekt, Bild und Ausstellung. In Praktiken der Zerstörung, Fehlnutzung, Umdeutung und Rekombination werden die Musikinstrumente als materielle Speicher von Kultur behandelt und gehen gleichzeitig als Träger von Affekten, antibürgerlicher Kritik oder transgressiven Bewusstseinszuständen in eine Theoriegeschichte der Überschreitung ein.

Das Forschungsprojekt geht demnach nicht davon aus, dass Evidenz als anthropologische Konstante einfach gegeben ist. Evidenzproduktion wird als Prozess begriffen, in dem Objekte im Moment der Zerstörung zum Gegen-Bild werden und in ihrer nachträglichen Dokumentation, Musealisierung und Theoretisierung Verfahren der Evidenzerzeugung aufscheinen lassen, die es vom zertrümmerten Saitenhalter einer Gitarre bis zu seiner Umdeutung als theoretische Transgressionsfigur aufzuspüren gilt.

Vita

Studium der Kunstgeschichte und Deutschen Philologie in Bonn, London (UCL) und Berlin. 2002 Volontärin am Department for Prints and Drawings des British Museum London. 2005 Forschungsaufenthalt am Kunsthistorischen Institut in Florenz (Max-Planck). 2006 Magisterabschluss in Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2007-2010 Promotionsstipendium am Graduiertenkolleg „Sinne – Technik – Inszenierung“ der Universität Wien. 2009 Forschungsaufenthalt am History of Art Department der Columbia University New York. 2010-2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin, Lehrstuhl Prof. Dr. Peter Geimer. 2012 Preis für Kunstkritik von C/O-Berlin – International Forum For Visual Dialogues (Talents 29). 2012 Promotion am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Thema: Fotografische Zeitspeicher. Eine Imaginationsgeschichte der Bewegungsfotografie bei Auguste Chevallier, Camille Flammarion und Anton Giulio Bragaglia (summa cum laude). Seit Januar 2013 Postdoc-Mitarbeiterin der Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz. Von Dezember 2014 bis August 2015 Fellow am Getty Research Institute in Los Angeles.

Forschungsschwerpunkte

  • Geschichte und Theorie der Fotografie
  • Historiografie der frühen Bewegungsfotografie
  • Theoriegeschichte der bildlichen Imagination
  • Destruktionskunst

Publikationen

Zeitspeicher der Fotografie. Zukunftsbilder 1860-1913, Paderborn: Wilhelm Fink 2017.

Trick 17. Mediengeschichten zwischen Zauberkunst und Wissenschaft, Lüneburg: Meson Press 2016. (zusammen mit Jan Müggenburg, Florian Sprenger und Sebastian Vehlken)

The Past Future of Futurist Movement Photography, in: The Getty Research Journal, Nr. 7, 2015, S. 109-23.

Stumme Zeugen. Fotografische Bildevidenz am Rand der Wahrscheinlichkeit, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Nr. 11, 2/2014, S. 37-48.

→ Gesamtliste der Veröffentlichungen

 

Kontakt

Katja Müller-Helle

Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz

Arnimallee 10
14195 Berlin

Tel.: +49(0)30-838-50952

katja.mueller-helle@fu-berlin.de

Homepage am KHI

Bildnachweis: Archiv Katja Müller-Helle