Julian Blunk

Victor Hugo (1802-1885), „Dentelles et spectres“. Paris, maison de Victor Hugo.

Dr. Julian Blunk

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Forschungsprojekt

Zum Verhältnis von Stil und Spuk in den ästhetischen Debatten des Historismus

 

Die Vorstellung, dass man mit der Restitution eines historischen Stilidioms oder bereits mit der Wiederinstandsetzung einer historischen Stiläußerung auch den Geist seines Zeitalters wieder zu neuem Leben erwecken könne, bildete sowohl die größte Hoffnung als auch die größte Sorge des Historismus. Insbesondere dessen chronisches Krisenbewusstsein, das sich aus einem tief wurzelnden Zweifel an der Plausibilität der eigenen ideologisierenden Inanspruchnahmen historischer Stilidiome, an seinen historiografischen Prämissen und geschichtstheoretischen Modellen speiste, hatte nicht nur dem Gespensterspuk die Tore in die denkmalpflegerische und kunstpolitische Debatte geöffnet, sondern auch der Stildebatte Einlass in die fiktive Schauerliteratur gewährt. Die Arbeit am Neostil, so der allgemeine Tenor der kritischen Selbstbeschau, gleiche der Beschwörung eines Untoten, dessen wohlwollendes Einverständnis sich keinesfalls voraussetzen ließ.
Mit Blick auf die politischen, soziokulturellen und technologischen Zäsuren des „langen“ 19. Jahrhunderts möchte das Projekt erstmals systematisch die von strukturellen Analogien, von Nomenklaturen, Metaphern und Narrativen sowie von Stilauslegungen und Stilentscheidungen genährte Reziprozität der Diskurse um die Geschichtlichkeit des Stils und um die Gegenwart der Gespenster in ihren wesentlichen Zügen nachzeichnen. Eine Leitthese lautet, dass sich die Rede vom Spuk, sobald sie in Fragen der Legitimität kultureller Erbansprüche mit der Rede vom Stil zusammenfiel, nicht nur zur verlässlichen Diagnostik der Schwachstellen historistischer Evidenzerzeugung in Theorie und Praxis eignete, sondern am Ende stets auch auf deren Überwindung zielte.

Vita

Studium der Kunstgeschichte und der Film- und Fernsehwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, 2003 Magister-Abschluss mit einer Arbeit über Andrea Pozzos Fresken in S. Ignazio. 2003-2006 Stipendiat des Internationalen Graduiertenkollegs 625 Institutionelle Ordnungen, Schrift und Symbole / Ordres institutionnels, écrit et symboles der Technischen Universität Dresden und der École Pratique des Hautes Études Paris, 2008 Promotion mit der Arbeit Das Taktieren mit den Toten. Die französischen Königsgrabmäler in der Frühen Neuzeit (bei Prof. Dr. Bruno Klein / Prof. Dr. Guy-Michel Leproux). 2008-2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Dr. Tanja Michalsky am Institut für Kunstwissenschaft und Ästhetik an der Universität der Künste Berlin, seit 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz an der Freien Universität zu Berlin. Redakteur der kritischen berichte (ab 2018).

Forschungsschwerpunkte

  • Bildende Kunst der Frühen Neuzeit
    (insb. Sepulkralskulptur, illusionistische Malerei)
  • Architektur und Architekturtheorie des Historismus
  • Spiel- und Dokumentarfilm, besonders in seinem Interesse
    an Architektur und bildender Kunst
  • Politische Ikonografie, Kunstpolitik
  • Theorien des sozialen Erinnerns
  • Stilfragen

Publikationen

„Das Taktieren mit den Toten. Die französischen Königsgrabmäler in der Frühen Neuzeit“ (Diss., 441 S.), Böhlau Verlag (Studien zur Kunst Bd. 22), Köln/Weimar/Wien 2011.
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„Filmstil als Filmdekor. Gedanken über den Paragone, Stoffhierarchien und Stillagen am Beispiel der Künstlerbiografie im Spielfilm“, in: Julian Blunk, Tina Kaiser, Dietmar Kammerer und Chris Wahl (Hrsg.): Filmstil. Perspektivierungen eines Begriffs, Edition text&kritik, München 2016, S. 142–166.

„Untote Kunstrichter: in diesem Style sollt ihr bauen!“, in: Kritische Berichte 1/2014: Stil /Style. Hrsg. von Joseph Imorde und Jan von Brevern, S. 19–34.
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„Andrea Pozzos Anamorphosen des religiösen Bildes: Metamalerei in Sant’Ignazio“, in: Matthias Bleyl und Pascal Dubourg-Glatigny (Hrsg.): Quadratura Malerei. Geschichte – Theorien – Techniken, Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2011, S. 237–251.
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„Das Grabmal Ludwigs XII. in Saint-Denis. Zum sepulkralen Denkmalkrieg zwischen den Häusern Valois und Sforza“, in: Carolin Behrmann, Arne Karsten und Philipp Zitzlsperger (Hrsg.): Grab, Kult, Memoria. Studien zur gesellschaftlichen Funktion von Erinnerung, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 219–237.
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Aktuell

Konzeption und Organisation der Tagung „Stil als (geistiges) Eigentum / Style as (intellectual) Property“, 23.-25.Juni 2016, Bibliotheca Hertziana, Rom (mit Prof. Dr. Tanja Michalsky), Herausgabe der Tagungsakten (in Vorbereitung).

(mit Tina Kaiser, Dietmar Kammerer und Chris Wahl): „Filmstil. Perspektivierungen eines Begriffs“, Edition text&kritik, München 2016.
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Kontakt

Julian Blunk

Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz

Arnimallee 10
14195 Berlin

Tel.: +49(0)30-838-50952

Julian.Blunk@fu-berlin.de

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