Christoph Schmälzle

Peter Paul Rubens, Jan Brueghel: Die Amazonenschlacht

Peter Paul Rubens, Jan Brueghel der Ältere, Die Amazonenschlacht (Ausschnitt), 1598-1600

Dr. des. Christoph Schmälzle

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Forschungsprojekt

Kanon kann scheitern! Phantasmen des Überzeitlichen in der Kunstgeschichte um 1900
 

Michael Baxandall betont in seinem Artikel Masterpiece im Dictionary of Art zu Recht, daß sich die Ergebnisse der literaturwissenschaftlichen Kanonforschung nicht ohne weiteres auf die Bildende Kunst übertragen lassen. Die Spezifik des einzelnen Artefakts wird in der Regel stärker gewichtet als seine Regelhaftigkeit. Frank Zöllner attestiert dem Verhalten des Publikums wie der Fachwelt gegenüber den kanonischen Hauptwerken ein hohes Maß an Hysterie. Nicht weniger paradox ist die Zeitstruktur des Kanons: Der Anspruch auf überzeitliche Geltung negiert den historischen Abstand (M. Asper).

Überlegungen zum Kanon betreffen das Fach Kunstgeschichte, als eine Disziplin, die Ordnung in große Objektcorpora bringen muß, unmittelbar. Die Etablierung der Kunstgeschichte an den Universitäten des 19. Jahrhunderts wird von einem Prozeß der Kanonkonstruktion begleitet, wobei sich sowohl die zugrundeliegenden Corpora als auch die Wertmaßstäbe in dauerndem Wandel befinden. Besonders interessant sind die vielen Beispiele mißlingender Kanonisierung, die sich in dieser Zeit des Auf- und Umbruchs finden. Nicht alles, was von bleibendem Wert sein soll, hält der Geschichte langfristig stand. Die Kehrseite des Kanons der Sieger ist ein weithin verdrängter Kanon des Ephemeren.

Die projektierte Studie nimmt das Problem der temporären Kanonizität systematisch in den Blick. Im strengen Sinn ist nur das kanonisch, was seine Bedeutung auf Dauer behauptet. Dem Kanon wohnt ein Versprechen inne, dessen Einlösung in der Zukunft nicht garantiert werden kann. Gerade das 19. Jahrhundert hat vieles geschätzt, was später dem Geschmackswandel zum Opfer fiel oder nicht anschlußfähig an neue Paradigmen war. Aus diesem Grund stellen die zu behandelnden Fallbeispielen den Ewigkeitsanspruch des Kanons in Frage, wobei die Geschichte ihrer Kanonisierung ebenso aufschlußreich ist wie die ihrer späteren De-Kanonisierung.

Die Untersuchung scheiternder Traditionsbildung hat weitreichende Implikationen. Mehr als irgendwo sonst wird deutlich, wie sich die Rezeption ihr Rezipiertes schafft. Nicht ohne Grund hat das Wort Kanon eine zweite Bedeutungsschicht, die keine Werkliste, sondern eine Methode meint. Es sind eben nicht die Werke selbst, die von sich aus ihren Ewigkeitswert behaupten. Oder doch?

Vita

Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin, Paris und Palermo. Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. 1999/2000 Werkverträge im Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum. 2005-2007 NaFöG-Stipendium des Landes Berlin. 2005/2006 Stipendien der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und der Klassik Stiftung Weimar. Seit 2006 freier Mitarbeiter der FAZ, (v.a. Tagungsberichte im Ressort Geisteswissenschaften). 2008-2010 Persönlicher Referent des Präsidenten der Klassik Stiftung Weimar. 2009 Gesamtkoordination der Ausstellung Schillers Schädel. Physiognomie einer fixen Idee. 2009-2011 Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Herbert Lachmayer und dem DA PONTE Research Center in Wien. 2010-2011 und 2014 Lehraufträge an der Bauhaus-Universität Weimar. 2011 Stipendiat am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin. 2013 Promotion bei Prof. Dr. Thomas Macho und Prof. Dr. Werner Busch über Laokoon in der Frühen Neuzeit. Seit 2013 freier Kritiker im Hörfunkprogramm des SWR2. 2014 Lehrauftrag an der Leuphana-Universität Lüneburg.

Forschungsschwerpunkte

  •  Fachgeschichte der kunstbezogenen Disziplinen
  •  Laokoon-Rezeption im 17. und 19. Jahrhundert
  • Schiller-Ikonographie und dinglicher Schillerkult
  •  Klassizismus als epochenübergreifendes Phänomen
  • Theorie und Praxis der kulturhistorischen Ausstellung

Publikationen

Magic City, in: TV Series, hg. von Jürgen Müller und Christoph Ziener, Köln (März 2015).

L’étude de l’antiquité mise en scène : la thèse sémiotique de Lessing et le groupe de Laocoon au Vatican, in: Lessing, la critique et les arts, hg. von Andreas Beyer und Jean-Marie Valentin, Paris 2014, S. 59-81.

Laokoon als Richtschnur der ‚barocken‘ Kunst, in: Abgekupfert – Antike Bildwerke aus Rom in den Reproduktionsmedien der frühen Neuzeit, hg. von Manfred Luchterhandt u.a., Petersberg 2013, S. 101-114.

Weltliche Wallfahrt. Schillers Reliquien in den Gedenkstätten des 19. Jahrhunderts, in: Literatur ausstellen. Museale Inszenierungen der Weimarer Klassik, hg. von Hellmut Seemann, Göttingen 2012, S. 57-84.

Rezension zu: Alexander Rosenbaum, Der Amateur als Künstler. Studien zu Geschichte und Funktion des Dilettantismus im 18. Jahrhundert, Berlin 2010, in: Kunstchronik 65 (2012), S. 231-235.

Klassizismus zwischen Renaissance und Griechenkult: Raffael als Ideal, in: Raffael als Paradigma. Rezeption, Imagination und Kult im 19. Jahrhundert, hg. von Gilbert Heß u.a., Berlin/New York 2011, S. 97-122.

Schillers Schädel. Physiognomie einer fixen Idee, hg. zus. mit Jonas Maatsch, Göttingen 2009.

Athena, in: Mythenrezeption (= Der neue Pauly, Supplemente, Band 5), hg. von Maria Moog-Grünewald, Stuttgart/Weimar 2008, S. 172-179.

Rezension zu: Martin Dönike, Pathos, Ausdruck und Bewegung, Berlin 2005, in: Das achtzehnte Jahrhundert 31 (2007), S. 273-275, gekürzter Vorabdruck in: FAZ 176 (1. August 2007), S. 32.

Marmor in Bewegung. Ansichten der Laokoon-Gruppe, Frankfurt a. M./Basel 2006.

Das Winckelmann-Autograph der Bibliotheca Bodmeriana: Was Laokoons Seufzen bedeutet, in: Text. Kritische Beiträge 11 (2006), S. 161-179.

Kontakt

Christoph Schmälzle

Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz

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